Telearbeit, home office, agile working

Kategorien Beautiful Bedford

“Bei der Telearbeit lasse ich euch in Ruhe, da arbeitet ihr wahrscheinlich eh nicht”. Ein typischer Satz – oder zumindest ein Gedanke – eines deutschen Chefs. So ähnlich bekam ich ihn auch zu hören und es erklärt, warum ich mich erst zwei Jahr beweisen musste, bevor ich einen Antrag auf Telearbeit stellen konnte. Frei nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Somit ist es auch nicht überraschend, dass ich an jedem dieser Telearbeitstage fast schon ein schlechtes Gewissen hatte, wenn ich mal eine Kaffeepause machte. Übrigens ein Gefühl, das ich nach dem Stempeln der Stechuhr im Büro nie hatte. Somit waren häusliche Kaffeepausen auch wirklich nur das, eine fünf minütige Pause, wohingegen Pausen im Büro auch gerne mal eine Stunde dauern konnten – ohne schlechtes Gewissen.

Bei meiner Ankunft in den Niederlanden war ich entsprechend mit der dortigen Philosophie erstmal völlig überfordert. Als ich vorsichtig – in meiner zweiten Arbeitswoche – anfragte, wie es denn mit home office (man ist ja international) aussieht. Hieß es gleich: “Mir ist egal wo und wann du arbeitest. Wichtig ist, dass du alle Termin einhältst und, dass die Arbeit gemacht wird.” Ich schaute erstmal ungläubig. Meine Kollegen nahmen das auch sehr liberal war, nur ich hatte immer noch das Gefühl, dass ich mir das maximal einen Tag leisten könnte und sonst mindestens fünf Stunden in dem Großraumbüro absitzen müsste, um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen. Wobei dieses krampfhafte Verhalten eher eine Stressquelle war und ich außerdem schnell feststellen konnte, dass ich am produktivsten zu Hause war.

Schlussendlich dachte ich mir, dass es wahrscheinlich ein ungewöhnlicher Arbeitsansatz sei und eher damit zusammen hängt, dass ich an einer Universität angestellt bin. Umso erstaunter war ich, als ich in England – bei einem “richtigen” Arbeitgeber – einen ähnlichen Ansatz vorfand. Hier heißt das Ganze dann agile working. Die Ansage, die ich zu der Frequenz und Gestaltung dieses agile workings bekam, war ganz ähnlich dem holländischen Ansatz. Auch hier brauchte ich erst ein paar Wochen, um wirklich sicher zu sein, dass es auch so gemeint war. Gerade jetzt, als ganz England Dank des Wintersturms “Beast from the East” quasi stillstand, erwies es sich als sehr hilfreich. Wo andere Arbeitgeber mit sich hadern, bevor sie das Werksgelände schließen und so den Verlust eines entgangenen Arbeitstages zu verkraften haben, hieß es bei uns relativ schnell “agile working for today” und alles konnte reibungslos weiterlaufen.

Natürlich ist so ein Arbeitsansatz nicht jedermanns Sache und auch nicht mit allen Jobs kompatibel, aber für mich ist es ein Segen. In einem Großraumbüro vernünftig Texte zu lesen und eigene Gedanken zu Papier zu bringen, erweisen sich als sehr mühsam und je nach Lärmpegel als Qual. Zu mehr Interaktion mit den Kollegen trägt eine solche Atmosphäre auch nicht bei – schließlich haben alle Kopfhörer auf und versuchen den Lärm auszublenden. Allerdings frage ich mich jetzt, nach einem Jahr eines entspannten Verhältnisses meines Arbeitgebers zu diesem Arbeitsansatz, immer noch jedes Mal, ob meine Kollegen mir nicht unterstellen, dass ich mir “frei” nehme und nicht wirklich arbeite. Wahrscheinlich bin ich in dieser Hinsicht doch einfach zu deutsch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.